Jörn Gerstenberg, Gabriele Worgitzki, o.T. aus der Serie Adapter, 46 x 54 cm, farbige Tusche, Marker, auf Papier, 2013

Kooperative Zeichnungen von Gabriele Worgitzki und Jörn Gerstenberg
Das kooperative Zeichnen ist eine Suche nach künstlerischer Kompatibilität und dem Bewahren konträrer Elemente. Zeichnerische Schnittstellen sind die Adapter unterschiedlicher Auffassungen der Künstler. Unstimmigkeiten erhöhen die Spannungen von Linien und Flächen, grafischem Duktus und malerischer Zeichnung. Diese Kommunikation wird umso ernsthafter, indem sie sich, schwer korrigierbar, als Wandzeichnung manifestiert. Die Arbeit erfolgt etappenweise. Es gibt Vorlagen und Reaktionen darauf. Was angelegt ist, wird umgedeutet, verstärkt oder abgemildert. Stilistische Brüche bekommen eine inhaltliche Bedeutung. Was ein zeichnerischer Fehler ist, bestimmt die Reaktion des anderen Zeichners darauf. Augenblickliche Einfälle entwickeln sich unter dem psychologischen Druck, nicht zu beeinträchtigen, was der andere geschaffen hat. Jeder geht mit diesem Problem anders um. Verbale Kommunikation muss sich immer zeichnerisch materialisieren. Gelungene Abstimmung und die Gefahr des Misslingens liegen nahe beieinander. Die Kooperation gelingt im sich ständig verändernden Schwebezustand der Bereitschaft, dem anderen Spielraum zu lassen und gleichzeitig den eigenen Ausdruck auf den Punkt zu bringen. Die Wandzeichnung ist eines der spannendsten Medien einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Kunstauffassung des Anderen und den Betrachtern der Arbeiten.

Jörn Gerstenberg schuf modulare Wandzeichnungen deren Verbindungsstellen streng standardisiert sind. Um sich auf eine zeichnerische Zusammenarbeit einzulassen, löste er sich von figurativen ornamentalen Formen der Zeichnung und wendet sich einer offeneren Arbeitsweise zu. Mit Pigmentmarkern arbeitend, verfolgt er eine technisch und emotionslos anmutende Linienführung. Er setzt Linien, die sich in einem imaginären Raum endlos vorsetzen könnten, ihn jedoch klar definieren und logisch bestimmen. Aus Zeitschriften bezieht er Pressefotos von Innenräumen, Gebäuden, Fahrzeugen und Geräten, die in Verbindung mit medial zelebrierten
Ereignissen, Katastrophen oder politischen Auseinandersetzungen stehen. Die Motive sind emotional hoch aufgeladen, werden vom Zeichner ihrer unmittelbaren Wirkung entzogen. Als Liniengerüst stark abstrahiert, bleibt ein Unbehagen des Betrachters der Zeichnung. Der Moment der Bedrohlichkeit kontrastiert mit der grafischen Schönheit, die der Linie innewohnt. Dekonstruktion und Dekorativität der Zeichnung provozieren den Blick des Betrachters, dazu eine Haltung zu entwickeln, zu deuten, sich anzunähern oder eine
Abwehrhaltung einzunehmen.

Gabriele Worgitzki entwickelt ihre Zeichnungen aus dem Moment des Flüchtigen, die sie in einem Prozess des Übersetzens in einen andauernden Zustand der Visualisierung überträgt.
Sie fotografiert zufällig vorbeieilende Passanten auf der Straße. Diese Charaktere auf den Fotos werden von ihr studiert und stellt zu ihnen eine gedankliche Verbindung her, bevor sie diese zeichnet. In verschiedenen Varianten entstehen
Annäherungen, Deutungen oder eine Abwehrhaltung gegenüber den dargestellten unbekannten Personen. Die Porträts bekommen eine Universalität durch die Anonymität der Abgebildeten, ihrer Körpersprache und Mimik werden selbst zum Gestus der Zeichnung. Die Porträts sind untrennbar verwoben mit augenblicklich gesetzten abstrakten Farbflächen, Verläufen, Klecksen und Schlieren. So dass sich das Porträt aus dem Repertoire der Zeichnung erkennen läßt. Das Zusammenspiel der Anwendungen derselben zeichnerischen Mittel, die zu abstrakten Zeichnungen führen und im selben Moment ein realistisches Porträt erschaffen, macht die Spannung dieser Zeichnungen zu einem intensiven Erlebnis.

Jörn Gerstenberg, 2013